Was hält sich länger als eine Unwahrheit? Richtig! Halbwahrheiten! Sie sind fast nicht tot zu bekommen, da sie nicht völlig an den Haaren herbeigezogen sind, sondern immer auf einem wahren Kern aufbauen, der jedoch falsch verstanden oder mit einer falschen Information erweitert wurde.

Beispiele gefällig?

Peter Lustig, der ehemalige Hauptdarsteller der Kinderfilmreihe “Löwenzahn” wird gerne damit in Verbindung gebracht keine Kinder zu mögen. Was für ein Unsinn! Das Problem war nur, er hatte es wirklich mal in einem Interview gesagt, aber in einem völlig anderen Kontext und mit einer anderen Intention (siehe hier). Über seinen Tod hinaus geistert diese abstruse Halbwahrheit durch Medien und Köpfe.

Ein anderes schönes Beispiel ist der ehemalige Gesundheitsminister Dr. Philipp Rösler. Es verbreitete sich die Halbwahrheit, dass er Facharzt für Augenheilkunde sei. Dabei ist er “nur” Arzt. Trotz aller Dementi, hält sich diese Halbwahrheit bis heute (siehe hier).

Ist der Welpenschutz ein deutsches Phänomen?

Eine der berühmtesten Halbwahrheiten im Hundetraining ist sicherlich der Welpenschutz. Oder, wie ich ihn gerne nenne “Der deutsche Welpenschutz”. Ihr fragt euch warum ich ihn so nenne? Das Thema Welpenschutz scheint ein wirklich deutsches Phänomen zu sein. Im Englischen existiert kein Wort dafür. Zwar wird vereinzelt der Begriff „puppy license“ verwendet, welcher aber eher wie eine Hilfsübersetzung wirkt und kaum einem Muttersprachler über die Lippen kommt. Ein weiteres Indiz zeigt sich auf Wikipedia. Dort existiert ein Eintrag für „Welpenschutz“ ausschließlich in Deutsch. Zufall? Wohl kaum!

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Wo liegt aber nun der wahre Kern dieser Halbwahrheit „Welpenschutz“?

Zum einen gibt es in der Tat eine Art Welpenschutz. Dieser gilt jedoch, wie der Name schon sagt, nur für Welpen. Also nur bis etwa zur 14. Lebenswoche. Zum andern gilt dieser Welpenschutz nur innerhalb des Familienverbandes. Sobald die Welpen Ihren Wurfort verlassen, fangen sie an ihre Umgebung zu erkunden und mit anderen Mitgliedern des Familienverbandes zu interagieren.

Die Welpen verhalten sich den erwachsenen Tieren gegenüber, nun oftmals sozial unpassend  und reagieren auch noch nicht richtig auf eventuelle stressbedingte Droh- und Abbruchsignale der Erwachsenen. Wo und wann hätten sie die richtige Hunde-Etikette für den Umgang mit den erwachsenen Familienmitgliedern auch lernen sollen? Neben der Mutter und den Wurfgeschwistern, sind zum Erlernen des großen Hunde-1×1 des guten Benehmens, nun auch die anderen Familienmitglieder gefragt. Diese reagieren auf einen Kniff in die Ohren tatsächlich toleranter, wenn er von einem Welpen ihres Familienverbandes kommt, anstatt von einem anderen erwachsenen Mitglied ihres Familienverbandes. Dieses tolerantere Verhalten gegenüber den Welpen kann als „Welpenschutz“ interpretiert werden. Hierbei zeigen die Welpen den erwachsenen Tieren jedoch stets, durch zum Beispiel ihren Geruch und ihr beschwichtigendes und unterwürfiges Verhalten, dass sie nur Welpen sind, die es einfach noch nicht besser wissen können.

Wenn es keinen generellen Welpenschutz gibt, warum reagieren erwachsene Hunde dann fremden Welpen gegenüber so freundlich?

Ein weiterer Punkt wodurch die Halbwahrheit Welpenschutz am Leben gehalten wird, ist die Tatsache, dass sich viele erwachsene Hunde gegenüber fremden Welpen und Junghunden tatsächlich ausgesprochen tolerant verhalten. Natürlich fühlt sich der Halter in seiner Vorstellung des Welpenschutzes bestätigt, wenn ein älterer Hund das sozial unpassende Verhalten eines Junghundes derart gelassen toleriert und vielleicht sogar sanftmütig korrigiert. Jedoch hat diese Gelassenheit nichts mit Welpenschutz zu tun. Sein Verhalten beruht allenfalls auf guten Erfahrungen mit anderen Welpen und Junghunden, einer hohen Frustrationstoleranz und einer entsprechend guten Sozialisierung in der sozial-sensiblen Phase.

Wenn das Verhalten des Hundes von seiner Erfahrungen und Sozialisierung abhängt, bedeutet dies im Umkehrschluss jedoch auch, dass jeder Hund ganz individuell auf das sozial unpassende Verhalten von Welpen und Junghunden reagieren wird. Seinen Welpen daher unkontrolliert auf zufällig entgegenkommende, fremde Hunde loszulassen entspricht eher einem Glücksspiel und kann böse Folgen haben. Immerhin kann es sein, dass die beiden Hunde noch nicht die „gleiche Sprache“ sprechen und das kann dann zu unschönen Missverständnissen führen.

Wie verhalte ich mich, wenn ich mit meinem Welpen auf einen fremden, erwachsenen Hund treffe?

Klärt also vorher mit dem Besitzer des erwachsenen Tieres, wie dieser auf Welpen und Junghunde reagiert. Entscheidet ihr euch die beiden zusammen zu lassen, bleibt vor Ort und beobachtet das Verhalten beider Hunde. Überprüft ob euer Welpe Beschwichtigungssignale aussendet und wie der erwachsene Hund die Signale aufnimmt. Wie reagiert der Welpe/Junghund auf das korrigierende Verhalten des Erwachsenen. Führt das korrigierende Verhalten wirklich zu einer Korrektur? Reagiert der Welpe darauf und passt sein sozial unpassendes Verhalten an, oder wird er durch die Reaktion des anderen Hundes traumatisiert? Korrigierendes Verhalten lässt sich grob mit „laut und harmlos“ beschreiben. Also viel Lärm, aber es passiert nichts Schlimmes.

Stellt euch also immer die Frage: Handelt es sich noch um korrigierendes Verhalten? Oder geht die Disziplinierung des Welpen/Junghundes durch den Erwachsenen schon darüber hinaus, bzw. reagiert eurer Welpe/Junghund überhaupt auf das korrigierende Verhalten? Je nachdem müssen die beiden Hunde wieder voneinander getrennt werden.

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Kleine Zusammenfassung zum Welpenschutz

1. Die regelmäßige Interaktion eines Welpen/Junghundes mit gesunden und gut sozialisierten, erwachsenen Tieren zur Verhaltenskorrektur ist sehr wichtig.

2. Ein Welpenschutz besteht allenfalls in der Welpenphase des Hundes und nur innerhalb des Familienverbandes.

3. Das tolerante und idealerweise korrigierende Verhalten erwachsener Hunde ist nicht selbstverständlich und sollte nicht mit einem generellen Welpenschutz verwechselt werden.

4. Interaktionen zwischen Welpen/Junghunden und erwachsene Tieren sollten nur nach vorheriger Absprache und unter Aufsicht stattfinden. Eventuell müssen die Halter die Interaktion unterbrechen.

Gerade der letzte Punkt ist für viele Halter schwer einzuschätzen. Um diesen wichtigen Punkt der Sozialisierung für euren Welpen oder Junghund so effektiv und angenehm wie möglich zu gestalten, rate ich euch daher unbedingt euren Trainer im Hundeverein oder den mobilen Hundetrainer zu Rate zu ziehen.


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